Juryentscheidung 

10. Windkunstfestival „bewegter wind“ 2021 – Change ?!

Wie soll man eine Auswahl treffen, wenn doch alle Künstler durch ihre Einjurierung in die 10. bewegter wind Ausstellung schon gewonnen haben? Der wichtigste Preis ist sicher das „gesehen werden“ und der eigenen Sicht auf das Thema durch seine Arbeit eine Stimme zu geben. Das, es sei an dieser Stelle bemerkt, ist durchaus gelungen, denn die Besucherzahlen des Pleinair-Kunstfestivals belegen, dass die Schau sich inzwischen einen Namen gemacht hat.
Die künstlerischen Positionen zeugen von eigenwilligen Blickwinkeln, von überraschenden Ideen aber auch ganz einfach von handwerklichem Können. Das hat uns – der Preisjury – nicht nur Diskussionsgrundlage geliefert, sondern uns auch vor schwierige Entscheidungen gestellt.
Es ging ja irgendwie auch darum „Äpfel mit Birnen zu vergleichen“, was ja bekanntlich fast unmöglich sein soll. Wir hatten also auf unseren Zetteln beim Rundgang viele gute Arbeiten notiert, die alle einen Preis verdient hätten und so mussten Parameter her um Entscheidungen zu treffen.
Einer dieser Parameter war für uns eine gute Idee, die mit dem Thema change!? spielt, aber gleichzeitig offen genug bleibt, um Blickwinkel verändern zu können.

Deutlich wurde das besonders in der Arbeit „Moving Square“ von Jürgen Heinz. Zwei deckungsgleiche Rahmen, die sich durch den kleinsten Windhauch gegeneinander verschieben, zeigen einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Meint man. Es können aber auch zwei Bilder und damit zwei Wirklichkeiten sein. Wie zwei Folien, die dasselbe zeigen. Original und Klon. Man beginnt seiner Wahrnehmung zu misstrauen ... Überzeugend an dieser Arbeit ist neben ihrer Assoziationsoffenheit, das Gefühl der Irritation, das sie erzeugt, verbunden mit dem Erstaunen darüber, wie schnell man mit seinem „Weltbild“ ins Wanken geraten kann. Dass die Sicht durch die Rahmen den Blick auf die dahinter liegende Landschaft für immer verändert ist durchaus eine Erfahrung.

Irritierend ist das Video „Moving border“ von Kuesti Fraun. Ein kleines Stück Absperrband, als Sinnbild für eine Grenze, verändert, vom Wind vorangetrieben, immer wieder sein Erscheinungsbild. Was sich eben noch schlängelte, formt sich zu Körperlichem, zerfällt, überlappt sich, wird mit Füßen getreten. Welche Grenzen sind es, die da einfach so weggeweht werden sollen? Oder ist es der Weg aller Grenzen im Laufe der Zeit? Aktuelle politische Situationen tauchen vor dem geistigen Auge auf. Das Video vermittelt ein Gefühl der Machtlosigkeit, des Ausgeliefertseins. Erinnerungen an (selbst verschuldete) Wandel, über deren Auswirkungen man längst die Kontrolle verloren hat.

Von einer ganz anderen Seite kommt Christine Kruse mit 2/ VAR 1/9, die uns den Wandel ganz neu gedacht vor Augen führt. Mit jedem Schritt den man als Betrachter vor der Arbeit macht, überlagern sich gedruckte Worte, transformieren sich zu anderen Begriffen. Der Wandel findet „en passant“ statt. Die Idee, die Veränderung anhand von Sprache darzustellen ist nicht nur außergewöhnlich, sondern auch genau so lebendig wie die Sprache selber. Wer hat schon von „cyberhaft“ oder „Social error“ gehört? Die von der Künstlerin ausgewählten Begriffe sind Neue und Alte in gelungenen Bezügen. Die Arbeit macht in ihrer Kombinationsoffenheit Lust auf mehr. Unwillkürlich ertappt man sich beim Erdenken von eigenen Begriffen, vom Spaß daran und an der Faszination über die Wandelbarkeit der Sprachen.

Die Arbeit von Constanze Schüttoff „tabula rasa I in wandlungsfreiheit“ evoziert mit einfachen Mitteln den komplexen Vorgang immer wieder inne zu halten um seinen Weg zu überdenken. Der hohe Aufforderungscharakter der Arbeit erschöpft sich nicht im Verschieben der weißen Papierbahnen. Ganz spielerisch triff man Entscheidungen und beginnt darüber nachzudenken, welchen Weg man sich bahnen möchte, über Wahl und Möglichkeit, über das, was man vielleicht mit seinen (spontanen) Entscheidungen beeinflusst. Beim Durchschreiten verändert man nicht nur die Arbeit, sondern man schreibt anhand der vergangenen Entscheidungen vielleicht eine andere Zukunft.

Schon von Weitem fallen zwei auf langen Beinen – oder sind es Stelzen? – ruhende Boote ins Auge. In Fließrichtung der Diemel ausgerichtet. Es könnten auch Tiere sein, wesenhafte Objekte, die sich wie selbstverständlich in die Landschaft integrieren und sich doch sehr von ihr abheben. Die Gestalten bleiben rätselhaft, lassen sich nicht einordnen, in kein Schublade stecken. Sie wirken trotz ihrer Größe fragil und verletzlich, haben etwas Zartes und Ungelenkes. Etwas „aus den Fugen geratenes“ wie die Zeit in der wir leben. Die Skulpturen „Floating Alive“ von Jiefu Zhou beschäftigen den Geist, der zu keiner Lösung kommt. Sind es Boote oder Wesen, Tiere auf Stelzen? Und die geflochtenen Ringe, die am Fluss hängen, was haben die damit zu tun? Im Kopf bleibt es beweglich. Eine gute Voraussetzung, damit Wandel passieren kann.

Viele weitere Werke hätten in unseren Augen auch einen Preis verdient. Besonders zu erwähnen die wolkengleichen Objekte „For us all“ von Geraldo Zamperoni, die Arbeit „Prayer“ von Dina Hillebrand, die mit einer leichten Idee die richtigen Fragen stellt und die Arbeit „Nine Names“ von Markéta Váradiová, die mit ihrer Vielschichtigkeit überzeugt hat.

Wenn Kunst es schafft nicht nur das Denken anzukurbeln, sondern auch Gefühle auszulösen, ist schon viel gewonnen. Veränderungen finden im Kopf statt, aber nur wenn das Herz brennt.

Die Jury

Ines Braun (Künstlerin, Dipl.Des.)
Kerstin Fröhlich (Kunstwissenschaftlerin)
Julja Schneider (Künstlerin)